Tierischer Tod

Leseprobe: Prolog

 

Er raste mit wahnwitziger Geschwindigkeit über die sechsspurige Autobahn. Ab und zu geriet sein schwarzer Luxusschlitten ins Schlingern, doch er schaffte es jedes Mal mühelos, das PS-starke Monstrum wieder in seine Gewalt zu bringen. Mit spielerischer Leichtigkeit schlängelte er sich durch die anderen Wagen und genoss dabei das Gefühl von zu viel Adrenalin im Blut. Dieses herrliche Feeling wollte er so lange wie möglich aufrechterhalten. Inzwischen kannte er fast alle Straßen auswendig, er wusste, auf welchen Abschnitten er mit dreihundert Sachen brettern konnte, erahnte die Kurven, bei denen Vorsicht geboten war und welche Ausfahrten er nehmen  musste, um nach Hause oder zu seinen vielen Freunden zu gelangen. Nach Hause zu seiner wunderschönen Frau – bei diesen Gedanken schlug sein Herz sofort höher, das Kribbeln im Bauch war einfach wunderbar und einer plötzlichen Eingebung folgend schoss er die nächste Abfahrt hinaus. Beinahe hätte er die scharfe Kurve nicht gekriegt, er riss sich an der Leitplanke die gesamte Seite seines Flitzers auf, aber das war ihm egal. Er dachte nur noch an das Schmuckstück, das er seiner Liebsten gleich kaufen wollte und raste mit viel zu hoher Geschwindigkeit in die Innenstadt. Vor dem Juwelier legte er einen Fullturn hin und schleuderte gekonnt in eine   Parklücke. Behände schwang er sich über die Türe seines Cabrios und ließ dabei die stahlharten Muskeln seiner Oberarme spielen. In dem angesagtesten Juwelierladen der Stadt schubste er einen anderen Kunden zur Seite und wies den Verkäufer an, ihm die teuerste Diamantenkette zu zeigen, die er im Laden hatte. Eingeschüchtert lief der Angestellte zum Tresor und holte eine dunkelblaue Schachtel hervor. Eigentlich könnte ich jetzt meine Waffe ziehen und das Ding einfach mitnehmen, dachte das Muskelpaket kurz, aber dann rief er sich wieder ins Gedächtnis, dass er ja stinkreich war und außerdem gab es Strafpunkte, wenn er Unschuldige mit der Waffe bedrohte …

 

Doch gerade da fiel ihm ein, dass er ja noch mit dem Hund raus musste.

 

   „Pünktlich wie immer“, flüsterte der kahlgeschorene Mann mit den großen grünen Augen und den dunklen Wimpern, als um zwei Uhr nachts die Türe des Mehrfamilienhauses gegenüber geöffnet wurde und sein Nachbar wie jeden Tag um die gleiche Zeit das Haus verließ, um mit seinem Schäferhund eine Runde zu drehen. Hatte sich der Typ also doch von seinem Computerspiel losreißen können. Gerade heute hatte es den Anschein gehabt, als würde er es nicht rechtzeitig schaffen. Mit seinem Fernglas konnte der verlebt und verbraucht aussehende junge Mann immer genau beobachten, welche Spiele sein Nachbar spielte und welche Filme er sich anschaute. Wahrscheinlich rechnete der Typ überhaupt nicht damit, dass ihm jemand nachspionieren könnte, denn ringsum waren hohe Bäume und dichtes Gebüsch. Doch von seinem Dachfenster aus konnte der Siebenundzwanzigjährige durch eine kleine Lücke im Geäst sehr gut in die Wohnung des Hundebesitzers blicken. Eigentlich war es Zufall gewesen, als er vor Wochen eine Elster dabei beobachtete hatte, wie sie mit ihrer glitzernden Beute im Baum saß und darauf herumpickte. Es war schon ziemlich dämmrig gewesen, als er entdeckt hatte, dass er mit seinem teuren, allerdings geklauten Fernglas, problemlos in die Wohnung gegenüber schauen konnte. Dass es so einfach werden würde, hätte er nicht gedacht, als er vor ein paar Wochen die kleine Wohnung in diesem Kaff bezogen hatte. Dieses verschlafene Nest „Ottenbach“ hatte er vorher nicht gekannt, obwohl ihm der Name „Hohenstaufen“ schon etwas gesagt hatte. Seine Recherchen hatten ihn hierher geführt und nun konnte er sich daran machen, seinen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen. Endlich!